Audio off

Jamais-vu 

Das Bekannte als Unbekanntes erleben, das unheimliche Gefühl,  etwas völlig Vertrautes als fremd zu erfahren: daran lässt sich  absichtlich arbeiten. In einer Stadt, die kein statisches Gebilde  ist, wird ein Platz – en passant – zum Labor. Schein-Gewächse, die  keine Palmen sind, wehen im Wind vor einem stetig wachsenden  Sandhügel, der einer Pyramide gleicht: Material versus  Aufzeichnung, Erinnerung versus Identität. 

Heike Kabisch und Katharina Kiebacher nutzen den Ernst-Reuter Platz als Studio, als Experimentalraum einer Begegnung im Dialog,  im Modus der Montage. Beide Künstlerinnen, seit fast einem  Jahrzehnt miteinander im Gespräch über ihr Werk, finden darin  erstmals zusammen: eine Exploration des immer schon Möglichen,  aber noch nie so da gewesenen. 

Exil oder Asyl, jedenfalls Ergebnis einer Wanderung,  freiwillig/unfreiwillig, sind mögliche Funktionen einer Insel. Und  diese ist vielleicht Teil eines Archipels, umbrandet von vielfach  sich kreuzenden Wegen, eigentümlich abgeschnitten vom Rest der  Welt, zugleich, durch gekachelte Unterwelten erreichbar.  Gelegentlich der scharfe Geruch von Ammoniak im elektrischen  Licht. Ab und an Sprünge von Eiland zu Eiland in einem dauerhaften  Transit. 

Irgendwie ähnelt das den Pflanzen, die von indigenen Orten ihre  Reisen in die Welt angetreten haben: absichtlich verpflanzt, als  Begleiter im Körper von Menschen und Tieren, im Beifang von  Warentransporten. Für Heike Kabisch wird der Ailanthus altissima,  der Götterbaum aus Ostasien zum Material, zur Metapher eines  Hybriden aus Mensch und Natur in unterschiedsloser Vermischung aus  Schädling und Nützling: metamorphotischer Neophyth. Wir blicken in  Berlin durch Fenster aus Weimar: jetzt sein und sehen Geschichte. 

Träumen hier falsche Palmen von ihren heimatlichen Inseln in  traurigen Tropen, verorten sich die filmischen Bilder Katharina  Kiebachers im Suburbanen. Artefakte im Umland im Umgang mit Raum  zur Fläche, im jeweiligen Zustand der Aggregate: a bleak and  boiling Deadpan. Da sind Gebäude und Töpfe wie Skulpturen, gesehen  als Ergebnisse eines ästhetischen Diskurses, nicht minder finden  sich Mensch (nicht selten als Mann) und Maschine in eingespielter,  programmatischer Harmonie. 

Ein Elefant steht im Raum, zwischen Palmen und pyramidalen  Sandbergen auf dem Ernst-Reuter-Platz, dem alten Knie von West Berlin. Ein fehlendes Stück wird das Bindeglied, kein künstliches,  ein kritisches Element: die Île de peupliers? Jamais-vu! 

Thomas W. Kuhn, Am Grenzlandstadion im Februar 2021


i
Heike Kabisch & Katharina Kiebacher
jamais vu


Digitale Dokumentation einer temporären Installation / digital documentation of a temporary installation at Ernst-Reuter-Platz


Die Gemeinschaftsarbeit von Heike Kabisch und Katharina Kiebacher, umgesetzt auf der verwaisten Verkehrsinsel am Ernst-Reuter-Platz, verbindet Kiebachers Videosequenzen peripherer Landschaften mit Kabischs Pflanzen-Ton-Skulpturen. In der Kombination ergibt sich ein verschachtelter Transitraum. Was heißt schon „reisen“ in einer globalisierten, digitalisierten Welt?

The collaborative work by Heike Kabisch and Katharina Kiebacher, installed on the deserted roundabout at Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg, combines Kiebacher's filmed sequences of peripheral landscapes with Kabisch's clay-plant sculptures. The multi-layered composition hinting travel destinations results in a mesmerizing impression of transit. In a globalised network of digital images, what does it mean to "travel to somewhere"?

Heike Kabisch & Katharina Kiebacher